Das Gymnasium Alsdorf ist in der StädteRegion Aachen die einzige Schule, die bislang den „Deutschen Schulpreis“ in die Region geholt hat. Von einem durchschnittlichen Gymnasium in einer strukturschwachen Stadt hat sich die Schule zu einer „Schule mit modellhaftem Charakter“ entwickelt – so sagt es das nordrhein-westfälische Schulministerium. 2009 war das Gymnasium die erste Dalton Schule Deutschlands, inzwischen hat sie 20 Nachahmer gefunden. Viele haben sich vor Ort inspirieren lassen. KingKalli hat mit Schulleiter Martin Wüller über den Deutschen Schulpreis und gute Schule gesprochen und hat in Erfahrung gebracht, was sich seit der Preisverleihung 2013 getan hat.
Herr Wüller, das Dalton Gymnasium Alsdorf hat 2013 den Deutschen Schulpreis in die StädteRegion Aachen geholt. Beschreiben Sie kurz, was damals ausschlaggebend für die Preisverleihung war.
Die guten Ideen sind nicht die komplizierten. Es muss einfach sein, sonst kann man es nicht umsetzen. Der damalige Schulleiter Wilfried Bock hatte nach einem System gesucht, das es Schülerinnen und Schülern ermöglicht, nachhaltiger zu lernen.
Dabei sind wir auf die Dalton Schulen gestoßen, die Anfang 1900 von Helen Parkhurst in den USA gegründet wurden – einer Reformpädagogin und Montessorischülerin. Montessori gibt es im Kindergarten und in der Grundschule, aber je weiter man kommt, umso mehr basiert Wissensvermittlung auf Weitersagen. Montessoris Grundgedanke „hilf mir, es selbst zu tun“ könnte auch Leitsatz der Dalton Pädagogik sein. Wir wollten den Schülern die Verantwortung für ihr Lernen ein Stück weit zurückgeben und ihnen so helfen, ihre Interessen und ihren Weg zu finden.
Jenseits der Grenze, in den Niederlanden, arbeiten viele Schulen erfolgreich nach diesem Prinzip. Wir haben uns also dort umgeschaut und waren begeistert von dem, was wir gesehen haben. In Deutschland waren wir dann die erste Dalton Schule. Unsere Leitsätze sind entsprechend Helen Parkhursts Pädagogik: Freiheit in Gebundenheit, Verantwortung, Zusammenarbeit, Selbstständigkeit.
Was bedeutet das genau?
Jeder Schüler und jede Schülerin sucht sich in zwei bis drei 60-Minuten-Stunden am Tag selber aus, für welches Fach er oder sie arbeitet, und auch, in welchem Raum und bei welcher Lehrperson das stattfindet. Das entspricht in etwa der „freien Wahl der Arbeit“, wie wir sie von Montessori für Kindergarten und Grundschule kennen.
Bei uns ist das die „Freiheit in Gebundenheit“, das heißt, die Aufgaben entsprechen dem Lehrplan, jeder Schüler entscheidet jedoch selber, wann er oder sie die Aufgaben bearbeitet und bei welcher Lehrperson das besonders gut klappt.
Durch dieses Prinzip können wir besonders gut auf individuelle Begabungen eingehen. Besonders begabte Schüler und Schülerinnen brauchen vielleicht gar keine Dalton Stunden, um Stoff zu vertiefen, und können in Ausnahmefällen sogar schon einen Kurs an der Uni besuchen.
Andere Kinder oder Jugendliche haben vielleicht Schwierigkeiten mit dem Stoff und können eine zusätzliche Stunde gut gebrauchen. Durch eine Extrastunde in einem Extraraum haben wir für diese Schülerinnen und Schüler eine Möglichkeit geschaffen, durch Lerncoaching die Lernenden gut fördern zu können. Wir konnten die Zahl der Sitzenbleiber so reduzieren und bieten diese Extrastunden so früh wie möglich im Schuljahr an, sobald sich Schwierigkeiten abzeichnen.
Knubbeln sich die Schüler und Schülerinnen dann nicht bei den einen Lehrern, während andere niemanden in ihrem Raum haben?
Das werde ich tatsächlich immer gefragt. Aber ich kann es nur so sagen: Jeder Lehrer und jede Lehrerin hat ihren Fanclub. Ein Schüler hat es vielleicht gerne etwas trubeliger, einer lernt gerne in ruhiger, disziplinierter Umgebung. Der eine Lehrer kann dies besonders gut erklären, die andere Lehrerin das.
Es funktioniert wirklich gut bei uns. Und wenn man einmal ganz für sich sein will, findet man eine Lernnische auf dem Flur oder geht in den „Raum der Stille“ zum Lernen in absoluter Ruhe.
Auf der Homepage Ihrer Schule liest man, das Gymnasium Alsdorf sei bekannt für die dynamische Weiterentwicklung des Unterrichts. Was hat sich seit der Preisverleihung getan? Für was haben Sie die Gewinnprämie eingesetzt?
Oh, den Preis wollten wir an die Schüler weitergegeben, also gab es ein großes Grillfest mit allen Familien.
Dann haben wir in eine gute Vertretungsplan-App investiert.
Wir haben zudem das Glück, als Dalton Schule einmal im Jahr unsere Partnerschulen zu treffen und uns bei den Treffen inspirieren zu lassen. Bei einem dieser Treffen hatten wir den Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck eingeladen. Er stellte die Top 100 der Kriterien für „gute Schule“ vor. Besonders blieb uns der Aspekt im Gedächtnis, dass sich der Biorhythmus von Jugendlichen verändert. Nicht alle Menschen können morgens um 8 Uhr schon Leistung abrufen.
Basierend auf diesem Gedanken haben wir an unserer Schule die „Gleitzeit“ eingeführt. Oberstufenschüler können selbst entscheiden, ob sie um 8 oder um 9 Uhr zur Schule kommen. Das ist eins der Beispiele, wie sich unsere Schule weiterentwickelt hat.
Wie kommt das Konzept bei den Schülern und Schülerinnen, Eltern und im Kollegium an?
Alle drei Jahre werden bei uns die Eltern befragt, ob sie ihr Kind wieder an der Schule anmelden würden. 94 % beantworten das mit Ja. Es gibt eine hohe Zufriedenheit mit unserer Schule, das kann ihnen sicher auch die Schülersprecherin bestätigen – gerne vermittle ich den Kontakt.
Auch die Zufriedenheit seitens der Lehrerschaft liegt bei uns über dem Landesdurchschnitt. Lehrer und Lehrerinnen müssen gerne unterrichten, das funktioniert bei uns und dann herrscht eine hohe Zufriedenheit.
Dalton Schule unter Corona – geht das überhaupt?
Das Dalton Prinzip sieht ja, wie Sie vorhin erläutert haben, vor, dass die Schüler sich an ein bis zwei Stunden pro Tag ihre eigenen Lehrer und Räume aussuchen, wo sie lernen. Konnte das unter den aktuellen Hygienebedingungen überhaupt fortgeführt werden?
Wir haben Lösungen gefunden – aber diese waren teuer. Wir haben mehr Lehrkräfte eingesetzt als sonst. So haben wir ermöglicht, dass der Dalton Unterricht zumindest stufenweise fortgeführt werden kann. Drei Klassen konnten sich in den Dalton Stunden so jeweils auf vier Lehrpersonen aufteilen.
Und wie sah es unter Corona mit der „Gleitzeit“ aus? Haben Sie das 2020 beibehalten können?
Ja! Das haben wir sogar erweitert. Das passte unter den gegebenen Umständen sogar sehr gut, um den Betrieb im Nahverkehr und auf dem Schulhof zu entzerren. Wir haben uns in diesem Fall jedoch entschieden, es so zu regeln, dass es keine Gleitzeit in dem Sinne gibt, sondern dass die ganze Oberstufe erst um 9 Uhr mit dem Unterricht beginnt.
Stichwort Digitalisierung. Bei vielen Schulen ist das Homeschooling auch im zweiten Lockdown wieder holprig gestartet.
Wie ist das Gymnasium Alsdorf aufgestellt? Auf der Schulwebsite ist nachzulesen, dass im Unterricht iPads mit Schulprofil genutzt werden. Wie habe ich mir das genau vorzustellen und war Ihre Schule dadurch auf digitales Lernen von zu Hause vorbereitet?
Wir sind 2017 in einen Neubau umgezogen. Unsere Bedingungen sind seitdem „paradiesisch“ – so sagen es unsere Lehrkräfte, die ja Vergleiche mit Kollegen und Kolleginnen an anderen Schulen ziehen. Wir wollten das beste Netz, mindestens wie ein großes Hotel, besser noch wie ein Flughafen – und das haben wir bekommen.
Zudem haben seit Jahren alle bei uns eigene E-Mail-Adressen. Wir wollen hier nicht mit „Hupsimausi“ konferieren, sondern Lehrkräfte sowie Schülerschaft haben alle Schulmailadressen, die gleich aufgebaut sind.
Schon vor 2017 haben wir das Smartphone als Arbeitsgerät eingeführt. Es gab jedoch immer wieder Schlüsselerlebnisse, wo wir feststellten, dass die Schüler das missbrauchen beziehungsweise der Versuchung erliegen, sich dann mit anderem als dem Schulstoff zu beschäftigen. Also haben wir auf die Arbeit mit iPads umgestellt.
Die siebten und achten Klassen sind iPad-Klassen, da hatten wir unter Corona gar keine Probleme, als die Schüler zu Hause arbeiten mussten. In allen Jahrgängen läuft alles über Microsoft Office 365 und Microsoft Teams. Dort können die Schüler ihren Stoff mit ihren eigenen digitalen Endgeräten abrufen. Das ist übersichtlich und funktioniert gut.
Andere Schulleiter wünschen sich, dass gute Konzepte in Deutschland mehr Gehör finden und dass eine breitere Debatte über gute Bildung entsteht. Sehen Sie das auch so?
Das sehe ich genauso. Die Bosch-Stiftung, die den Schulpreis auslobt, leistet da sehr gute Arbeit. Wir sind im Preisträgernetzwerk und dort sind lauter Schulen, die Lust haben etwas zu verändern. Es herrscht ein reger Austausch. Gute Schule geht also.
Zum Hintergrund: Der Deutsche Schulpreis
2021 Spezialpreis für Schulen, die besonders gut durch die Corona-Pandemie gekommen sind
Der Deutsche Schulpreis ist seit 2006 eine Auszeichnung, die von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung zusammen mit ARD und der ZEIT Verlagsgruppe an Schulen mit hervorragender pädagogischer Praxis verliehen wird. Er hat unter Bildungspreisen den höchsten Stellenwert in Deutschland. Für die Bewertung werden sechs anspruchsvolle Qualitätsbereiche herangezogen, die die Schule als leistungsorientierten Ort ansehen, aber auch als demokratischen Lebens- und Lernort wahrnehmen. Jedes Jahr werden sechs Preisträger ausgewählt. Sie werden im Rahmen einer festlichen Verleihung mit Preisen ausgezeichnet: Die Schule des Jahres erhält 100.000 Euro, fünf weitere Schulen jeweils 25.000 Euro.
2021 wird ein Spezialpreis für Schulen verliehen, die im letzten Jahr besonders gut durch die Corona-Pandemie gekommen sind und es geschafft haben, in diesem Krisenjahr etwas zu entwickeln. Die Bewerbungsphase hat bereits stattgefunden. 400 Schulen haben ihre Konzepte in den Ring geworfen (im Vorjahr waren es 85), 120 haben die erste Auswahlrunde Anfang Dezember gemeistert, darunter die GGS Hermannstraße in Stolberg.
deutscher-schulpreis.de

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